Mo

15

Mär

2010

Interview - ESS KLASSE

Gesa Stückmann und ihre ESS KLASSE Gesa Stückmann und ihre ESS KLASSE

Was haben Recht, Mobbing, Cook & Chill und Kinder gemeinsam? Diese Frage werde ich im Laufe des Interviews beantworten. Zuvor noch eine andere Frage: Wie ist es möglich parallel vier "Jobs" mit voll Power und Herz in Einklang zu bringen? Liegt es am Engagement, Zeitmanagement, Disziplin oder Verzicht? Wahrscheinlich von jedem etwas. Und trotzdem der Tag nur 24 Stunden hat, kann Frau sehr viel erreichen. Dass es funktioniert, zeigt das heutige Interview mit meiner Gesprächspartnerin und Gründerin Frau Gesa Stückmann.

 

RostockStartUps: Hallo Gesa, ich freue mich sehr, dass Du Dir eine kleine Auszeit für unser Interview genommen hast. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Zeit für Dich mittlerweile die kostbarste Ressource geworden ist. Die meisten Deiner Bekannten, auch die vom OpenCoffee Club Rostock kennen Dich als Rechtsanwältin Gesa Stückmann von der Kanzlei Stückmann Rechtsanwälte. Gib uns doch mal bitte einen kleinen Einblick in Deine bisherige berufliche Laufbahn.

 

Gesa Stückmann: Hallo Falk, ja in der Tat, viele kennen mich nur als Rechtsanwältin. Andere kennen mich nur im Zusammenhang mit meiner Vortragsreihe „Recht und Unrecht im Internet - Kinder als Täter und Opfer". Wiederum andere kennen mich als Existenzgründerin mit der ESS-Klasse und ein kleiner Kreis kennt mich auch an der Seite meines Mannes und mit unseren zwei Kindern.

Nach meinem Abitur bin ich ein Jahr durch Europa "gejobbt". Einfach nur um Land/Leute/Sprache kennen zu lernen und mich auch so ein bisschen auf mein Berufsleben einzustimmen. Nach meiner "Europa-Tournee" machte ich eine Banklehre. Da mir das Kreditgeschäft und das rechtliche Drumherum sehr viel Spaß machten, entschied ich mich, in Trier Jura zu studieren. Das Studium als solches konnte ich in sieben Semestern abschließen und ging anschließend nach Rostock (1994), um dort meine Referendarzeit zu absolvieren. Im Dezember 1996 habe ich dann das 2. Staatsexamen bestanden und wurde als Rechtsanwältin beim Landgericht zugelassen.

 

RostockStartUps: Wenn ich das mal kurz zusammenfassen darf, dann hast Du Zahlen mit Paragraphen und Mosel mit Ostsee getauscht und Jura in sieben Semestern zu studieren, das macht glaube ich auch nicht jeder.

 

So weit ich weiß, ist die Arbeit eines erfolgreichen Rechtsanwalts sehr anspruchsvoll und auch sehr zeitintensiv. Wie kommt es, dass Du mit Deiner Existenzgründung noch mal von vorne anfangen willst? Ich muss jetzt mal ganz salopp fragen: Bist Du mit Deiner Tätigkeit als Rechtsanwältin nicht ausgelastet gewesen?

 

Gesa Stückmann: Doch, ausgelastet war und bin ich. Aber irgendwie fehlte mir die Kreativität, die Möglichkeit, selbst etwas nach meinen Vorstellungen zu gestalten. Sicherlich benötigt man z. B. bei Vertragsgestaltungen auch einen gewissen Ideenreichtum, aber das ist nicht das Gleiche.

 

RostockStartUps: Deine neue Herausforderung nennst Du "ESS-KLASSE". Dass es sich hier nicht um ein Auto handelt, dürfte jedem klar sein. Der Name lässt eher einen anderen Schluss zu, aber erzähle es uns bitte selbst.

Gesa Stückmann (41) Gesa Stückmann (41)

Gesa Stückmann: Als ich 2007 ein Interview mit dem damaligen Vorsitzenden des Vereins Slow Food Deutschland e.V. las, in dem es um Schulverpflegung ging, hat es bei mir dieses berühmte "klick" gemacht. Über die Verpflegung meiner Kinder in Kita und Schule habe ich mich oft geärgert, da das gelieferte Essen geschmacklich und vom Vitamin- und Nährstoffgehalt her - vorsichtig ausgedrückt - nur durchschnittlich war und ist.

 

Die nun geborene Idee, den Bereich der Kita- und Schulverpflegung qualitativ auf ein ganz anderes Niveau zu heben, ließ mich einfach nicht mehr los. Und wie jeder andere Existenzgründer machte ich mich an die Arbeit. Da ich nun nicht aus dem gastronomischen Bereich komme, habe ich mir im Selbststudium die fachlichen Kenntnisse angeeignet. Und was soll ich sagen, es hat mir riesigen Spaß gemacht. Nach einiger Zeit machte ich mich daran, meinen Businessplan zu schreiben. Dabei kam es mir sehr zugute, dass ich Bankkauffrau bin und aus der anwaltlichen Tätigkeit auch gewohnt bin, Bilanzen lesen, verstehen und auswerten zu müssen. Zusätzlich nahm ich einige Workshops beim damaligen Businessplanwettbewerb MVwin wahr, um mich in Sachen Marketing, Businessplangestaltung, Verkaufsgesprächsführung etc. fit zu machen.

 

Als mein Businessplan fertig war, wollte ich es wissen und nahm deshalb 2008 am Wettbewerb MVwin teil. Den Juroren gefiel mein Konzept offensichtlich, denn ich gewann für meine Geschäftsidee den Sonderpreis. Ich habe aber nicht nur den Preis gewonnen, sondern bekam - was aus heutiger Sicht noch viel wichtiger war - enormes Feedback. In einem solchen Wettbewerb kann man seiner Kreativität freien Lauf lassen und sein Geschäftsmodell auch sehr groß planen - bei mir war es ein Neubau mit Produktionsküche und der Einsatz alternativer Energien zur Energiekostensenkung - , was sich natürlich im Investitionsvolumen widerspiegelte. Dass meine Planungen ein hohes Risiko beinhalteten und deshalb bei Banken eher auf Zurückhaltung stoßen würden, wurde mir von der Jury mit auf den Weg gegeben. Diese Hinweise nahm ich auf und "schraubte" mein Konzept um einige Windungen zurück. D. h., die Vorstellung einer eigenen großen neuen Küche musste Platz für Überlegungen in Richtung Partner-Suche bzw. Start in einer angemieteten Küche machen.

 

Wie der Zufall es so will: Für eine Veranstaltung im Herbst 2008 in unserer Kanzlei wählten wir einen Rostocker Caterer aus, dessen Essen alle Gäste und auch mich begeisterte. So lernte ich meinen heutigen Geschäftspartner kennen. Nach dem Motto: Was lange währt, wird endlich gut, habe ich in ihm nun den Koch gefunden, der hinter der Unternehmensphilosophie und dem Konzept der ESS-KLASSE steht bzw. dieses aktiv mitgestaltet.

Präsentation mit Verkostung Präsentation mit Verkostung

RostockStartUps: Konzept, das ist das Stichwort. Was willst Du anders machen als die jetzigen Hersteller/Lieferanten für die genannten Einrichtungen?

 

Gesa Stückmann: Der entscheidende Vorteil und auch der große Unterschied ist bei uns die Art und Weise der Zubereitung/Herstellung und damit verbunden die neue Qualität der Speisen. Wir verwenden das Verfahren Cook & Chill, was soviel bedeutet wie "Kochen und kontrolliertes Abbrechen des Garvorgangs". Herkömmlich wird nach der Methode Kochen und Warmhalten gearbeitet. Das von uns eingesetzte System "Cook & Chill" ist aus ernährungsphysiologischer Sicht jedoch die einzige Methode, um Essen ohne nennenswerte Vitamin- und Nährstoffverluste auszuliefern.

 

Zudem kochen wir ausschließlich für Kinder. Auch das unterscheidet uns von allen anderen Caterern. Wir werden Essen an Kitas und Schulen ausliefern, das zu gesundem Wachstum und zur Entwicklung der Kinder einen qualitativ hochwertigen Beitrag liefert und den Kindern schmeckt. Dabei verzichten wir auf Zusatzstoffe, Geschmacksverstärker & Co.

 

Wir hatten Anfang März eine kleine Präsentation mit geladenen Gästen (Schulen und Kitas) wo wir unser Können unter Beweis stellen durften und den Kochprozess vorgeführt haben. Die Gäste konnten die Gerichte verkosten und waren durchweg begeistert von der Qualität. Ich denke, das war ein optimaler Start und nun geht die Arbeit richtig los.

Stephan Jaenichen (Inhaber: Le Pomm Feinkost ∙ Catering) Stephan Jaenichen (Inhaber: Le Pomm Feinkost ∙ Catering)

RostockStartUps: Wann rechnest Du mit den ersten Aufträgen und wie stellst Du Dir die Zukunft von ESS- KLASSE vor?

 

Gesa Stückmann: Ich gehe davon aus, dass wir noch im ersten Halbjahr 2010 starten können. Einige Entscheidungswege müssen wir noch abwarten und das Logistikkonzept muss noch optimiert werden. Dabei hilft uns ein externer, im Bereich des Cook & Chill erfahrener Gastro-Consulter. Auch an der Homepage wird noch gearbeitet.

Wie stelle ich mir die Zukunft der "ESS KLASSE" vor? Erst einmal werden wir hier vor Ort anfangen, konsolidieren und dann bin ich für alles Weitere offen. Wir planen, dass wir ein Jahr nach dem Startschuss den break-even-point erreicht haben werden.

 

RostockStartUps: Wie immer, ein sehr ehrgeiziges Ziel. Kommen wir zu Deinem Projekt "Recht und Unrecht im Internet - Kinder als Täter und Opfer". Wie entstand dieses Projekt und welche Ziele verfolgst Du damit?

 

Gesa Stückmann: Das fing vor rund drei Jahren an. Damals wurde ich als Anwältin gebeten, einen Fall zu übernehmen, wo Schüler im Internet von Mitschülern auf grausame und anstößige Art diffamiert wurden. Es folgten diverse Aussprachen mit Tätern, Opfern, Lehrern und Eltern. Die Unwissenheit aller Beteiligten und die große Nachfrage motivierten mich, mehr zu machen. Daraufhin erarbeitete ich ein Konzept und bin nun regelmäßig in Schulen hier in M-V unterwegs und halte Fachvorträge über Cyber-Mobbing bzw. Cyber-Bullying wie es richtig heißt für Schüler, Lehrer und Eltern.

 

RostockStartUps: Das ist leider ein sehr trauriges Thema, aber umso schöner, dass es Menschen wie Dich gibt, die dort präventiv unterwegs sind. Jetzt verrate uns doch bitte, wie bringst Du diese vielen Aufgaben - Rechtsanwältin, Gründerin, Referentin und Mutter - unter einen Hut?

 

Gesa Stückmann: Es gibt nichts Gutes, es sei denn Frau tut es. Was ich damit sagen will ist: Wenn man wirklich etwas bewegen möchte, kann man es auch schaffen. So schaffe ich es irgendwie immer wieder, alle meine Projekte, Familie und Kanzlei unter einen Hut zu bekommen.

 

RostockStartUps: Das war kurz und knackig. Ich sehe auch hier Deine Effektivität. Das und sicherlich hohes Engagement sind für den Erfolg unverzichtbar. Eine letzte Frage: Welche Tipps kannst Du Existenzgründern mit auf den Weg geben?

 

Gesa Stückmann: Niemand ist so gut, dass er alle fachlichen Bereiche alleine beherrscht. Deshalb ist externe Unterstützung/Beratung sehr wichtig. Jede Idee muss wachsen und das benötigt seine Zeit. Deshalb ist Durchhaltevermögen und eine realistische Sicht auf die Dinge genauso wichtig. Und nicht vergessen: Objektive Kritik annehmen.

 

RostockStartUps: Ja, das mit dem Durchhaltevermögen kenne ich auch. Ich kann Dir nur weiterhin für alle Deine Projekte die Daumen drücken. Vielen Dank für das Interview und dass Deine "ESS KLASSE" schnell an Fahrt gewinnt.

 

Gesa Stückmann: Ich danke Dir auch und weiter so mit RostockStartUps.

 

 

 

Bildquelle: Falk Mahlendorf; Gesa Stückmann

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